KI-generierte Klagen überfluten britische Arbeitsgerichte und verzögern echte Verfahren.
In Kürze
- Einstweilige Anträge rund 100-mal häufiger
- Klagen +39%, Rückstau +55% (~64.000 Fälle)
- Viele Schriftsätze sind hunderte Seiten, fehlerhaft und unrealistisch
Gerichtssäle voller Chatbots: Wie KI-Klagen die britischen Arbeitsgerichte belasten
Gerichtspräsidenten alarmieren:
In Großbritannien sorgen seit Kurzem massenhaft mit KI erstellte Schriftsätze für Engpässe in den Arbeitsgerichten. Ein internes Memo von Barry Clarke und Susan Walker berichtet, dass Anträge auf einstweilige Maßnahmen — also kurzfristige gerichtliche Anordnungen, mit denen Beschäftigte schnell Schutz oder Zahlung erzwingen wollen — inzwischen etwa hundertmal häufiger gestellt werden. Viele dieser Eingaben stammen nicht von Anwälten, sondern wurden mit Tools wie ChatGPT oder Grok generiert.
Zahlen, die Druck machen
Die Auswirkungen sind messbar: Im Jahr bis März 2026 stiegen die insgesamt eingereichten Klagen um 39 Prozent. Der Rückstau ungelöster Fälle wuchs um 55 Prozent und liegt laut Memo nun bei rund 64.000 Fällen. Besonders problematisch: Viele der KI-erstellten Schriftsätze sind hunderte Seiten lang, enthalten erfundene Gesetzesstellen und Forderungen, die rechtlich unrealistisch sind. Das erhöht Prüfaufwand und Bearbeitungszeit erheblich.
Warum sich das noch verschärfen könnte
Zusätzlicher Faktor: Die Labour-Regierung arbeitet am neuen Employment Rights Act. Der Entwurf erweitert die möglichen Klagegründe um etwa 25 weitere Punkte und streicht Obergrenzen für Entschädigungen. Beides zusammen könnte die Zahl der Einreichungen weiter anziehen — also mehr Fälle werden erwartet, während die Gerichte bereits kämpfen, mit dem aktuellen Andrang Schritt zu halten.
Wer unter der Entwicklung leidet
Für Beschäftigte mit echten Rechtsproblemen bedeutet das längere Wartezeiten auf eine Entscheidung. Arbeitgeber sehen sich mit höheren Anwaltskosten konfrontiert, weil sie oft auch gegen offensichtlich falsche oder völlig überzogene Klagen reagieren müssen. Externe Beobachter fassen die Lage drastisch zusammen: The Economist nennt sie eine „Tragödie der Gemeingüter“ — ein System, das durch übermäßige Nutzung belastet wird.
Blick über den Kanal und darüber hinaus
Ähnliche Warnungen kamen aus den USA: Dort nannte ein Richter KI-Klagen eine „existenzielle Bedrohung“ für die Bundesgerichte. Zugleich gibt es aber auch Erfahrungen, die auf Potenzial hinweisen: Eine Studie aus Pakistan ergab, dass Richter mit Zugang zu KI-Tools und entsprechender Schulung schneller mehr Fälle bearbeiten konnten. Die Praxis zeigt also zwei Seiten — erleichterte Erstellung von Klagen einerseits, mögliche Effizienzgewinne für Gerichte mit gezielter KI-Nutzung andererseits.
Was jetzt passiert
Die Gerichte versuchen, den Anstieg zu bewältigen: Prüfprozesse werden angepasst und es läuft Diskussion über technische sowie prozessuale Gegenmaßnahmen, etwa Mindestanforderungen an Schriftsätze oder stärkere Sanktionen gegen offensichtliche Missbräuche. Bis solche Maßnahmen greifen, bleibt allerdings die unmittelbare Folge bestehen: mehr Eingaben, mehr Arbeit und längere Abläufe vor Gericht.
Quellen
- Quelle: Britische Arbeitsgerichte / ChatGPT / Grok
- Der ursprüngliche Artikel wurde hier veröffentlicht
- Dieser Artikel wurde im Podcast KI-Briefing-Daily behandelt. Die Folge kannst du hier anhören.




