Große Studie aus China: KI verkürzt die Hausaufgabenzeit, verbessert kurzfristig Noten, schwächt längerfristig Prüfungsleistungen.
In Kürze
- KI spart Zeit und hebt Hausaufgaben‑Noten kurzfristig
- Langfristig bis zu 18–24% schlechtere Aufnahmeprüfungsnoten
- Mehr Nutzung → stärkere Einbußen; Empfehlung: Präsenzprüfungen und Zeit‑Monitoring
Studie aus China: KI verkürzt Hausaufgabenzeit – aber schwächt Prüfungsleistungen langfristig
Was die Forscher:innen gemessen haben
Die Untersuchung nutzte monatliche Daten zu Klausuren, Hausaufgaben‑Noten, Bearbeitungszeiten und den großen Aufnahmeprüfungen für Ober‑ bzw. Hochschulen. KI‑Nutzung wurde von den Schülern selbst angegeben und stieg während des Beobachtungszeitraums von nahezu null auf rund 80 Prozent. Treiber des Anstiegs waren u. a. die Veröffentlichtungen von DeepSeek V2.5 (Sept. 2024) und DeepSeek R1 (Jan. 2025). Genannte Tools waren Doubao, DeepSeek, ChatGLM, Ernie Bot und Qwen.
Methodisch setzten die Forschenden ein Difference‑in‑Differences‑Design ein: Sie verglichen dieselben Schüler vor und nach ihrem KI‑Einstieg sowie gegenüber Schülern, die noch keine KI nutzten. Der kausale Schluss beruht auf der Annahme ähnlicher Entwicklungspfade ohne KI und auf korrekten Selbstauskünften zur Erstnutzung.
Kurzfristige Effekte: Zeitersparnis, bessere Hausaufgaben, schlechtere Klausuren
Nach etwa sechs Monaten KI‑Nutzung stiegen die Hausaufgaben‑Noten im Schnitt um 18 Prozent, während die durchschnittliche Bearbeitungszeit pro Aufgabe von 64 auf 45 Minuten sank. Gleichzeitig fielen die Ergebnisse in den monatlich überwachten Klausuren um rund 20 Prozent.
Die Kombination aus schnelleren, besseren Hausaufgaben und schlechteren Klausuren liefert einen ersten Hinweis: Aufgaben werden teilweise an die KI ausgelagert statt eigenständig bearbeitet.
Langfristige Effekte: Verzögerte, aber deutliche Verschlechterung bei Aufnahmeprüfungen
Die größten negativen Effekte zeigten sich nicht sofort, sondern über längere Sicht: Es dauerte etwa zwei Jahre, bis die Leistungen in den wichtigen Aufnahmeprüfungen um 18–24 Prozent schlechter wurden. Die Studie warnt, dass kurzzeitige Analysen solche langfristigen Lernkosten unterschätzen können.
Muster der Auslagerung
Nach mehr als fünf Monaten KI‑Nutzung erledigten etwa 81 Prozent der Nutzer ihre Hausaufgaben in unter 50 Minuten – schneller als die schnellsten Nicht‑Nutzer. Diese Nutzer bekamen hohe Hausaufgaben‑Noten, schnitten aber in überwachten Prüfungen schlecht ab.
Ein weiteres Ergebnis: Wenn KI‑Nutzer genauso viel Zeit in Hausaufgaben investierten wie Nicht‑Nutzer, blieben deren Klausurleistungen vergleichbar, während die Hausaufgaben‑Noten besser waren. Das legt nahe: Der Schaden entsteht vor allem, wenn KI eigenständiges Üben und Denkprozesse ersetzt, nicht durch den reinen Einsatz von KI bei gleicher Übungszeit.
Unterschiede nach Fach, Alter, Geschlecht und Leistung
- Sozialwissenschaften (Politik, Geographie): Rückgang ~27 %
- MINT‑Fächer: ~22 %
- Englisch: ~17 %
- Chinesisch: ~9 %
Jüngere Sekundarstufe‑I‑Schüler waren stärker betroffen als ältere (−24 % vs. −17 %). Jungen verloren tendenziell mehr als Mädchen (−21,6 % vs. −18,4 %), was vor allem an intensiverer Nutzung lag. Überraschend: Die besten Schüler im oberen Drittel verloren am meisten (~24 %), im unteren Drittel waren es ~16 %.
Zur Dosis‑Wirkung: Bis zu einer Stunde KI/Woche lag der Leistungsverlust bei rund 5 %, bei fünf und mehr Stunden pro Woche bei etwa 30 %.
Warum Lehrkräfte und Schulen bislang wenig reagierten
Mehrere Gründe erklären das: Lehrkräfte sehen oft nur ihr Fach, einzelne Notenverluste von 20 % wirken isoliert nicht zwingend alarmierend, und auf Landkreisebene war der durchschnittliche Rückgang bis Juni 2025 erst bei knapp −10 %, weil die KI‑Nutzung anfangs selten war. Zudem erkennen viele Schüler:innen den Zusammenhang nicht: Sie interpretieren geringere kognitive Anstrengung beim Lernen fälschlich als Zeichen, sie hätten „weniger gelernt“, ohne die Rolle der KI klar zu sehen.
Vorgeschlagene Gegenmaßnahmen der Studie
Die Autor:innen empfehlen unter anderem:
- glaubwürdige Information über die langfristigen Kosten des Auslagerns an KI
- stärkere Gewichtung überwachte Präsenzprüfungen gegenüber unbeaufsichtigten Hausaufgaben
- Monitoring der Bearbeitungszeit als ergänzende Messgröße, da Hausaufgaben‑Noten durch KI an Aussagekraft verlieren können
Bestätigung durch andere Untersuchungen
Weitere Forschungen zeigen ähnliche Muster: Andrej Karpathy (Anthropic) spricht sich ebenfalls für mehr Fokus auf Präsenzprüfungen aus. Eine Anthropic‑Studie zu KI‑gestütztem Programmierlernen fand 17 % schlechtere Testergebnisse trotz Zeitersparnis; die Swiss Business School identifizierte negative Effekte auf kritisches Denken; UC Berkeley beobachtete, dass in unbeaufsichtigten Schreib‑ und Programmierkursen die Bestnoten stiegen, während beaufsichtigte Prüfungen keine Verbesserungen zeigten.
Kernaussage der Studie
Generative KI kann Hausaufgaben schneller und ansprechender machen, doch wenn sie eigenständiges Üben und Denken ersetzt, zeigt sich das in deutlich schlechteren Leistungen in überwachten Prüfungen – und die vollen negativen Effekte treten oft erst nach Monaten bis Jahren zutage.
Quellen
- Quelle: Strömberg et al. (Studie)
- Der ursprüngliche Artikel wurde hier veröffentlicht
- Dieser Artikel wurde im Podcast KI-Briefing-Daily behandelt. Die Folge kannst du hier anhören.




