Analyse: Chatbots verlinken oft auf anti‑Abtreibungsseiten ohne Hinweis.
In Kürze
- ~25% der Antworten verweisen auf Gegnerseiten
- Profemina in ~17% der Fälle genannt
- Falsche Empfehlungen riskieren Fristverluste
KI‑Chatbots verweisen wiederholt auf Abtreibungsgegner — Studie von AlgorithmWatch
Eine Analyse von AlgorithmWatch zeigt, dass große KI‑Chatbots bei Fragen zu ungewollter Schwangerschaft auffällig oft auf Organisationen mit anti‑Abtreibungs‑Ausrichtung verlinken — und das ohne deutlichen Hinweis auf deren Haltung. Untersucht wurden 270 Antworten von vier Systemen (ChatGPT‑5 von OpenAI, Gemini‑3 von Google, Grok‑4.3 von xAI und Claude Sonnet‑4.8 von Anthropic). Drei fiktive Personen stellten identische Fragen in Englisch, Deutsch und Italienisch.
Was die Studie herausfand
- Mindestens in jeder vierten Anfrage verwiesen die Chatbots auf Websites von Abtreibungsgegnern, ohne die ideologische Ausrichtung klar zu kennzeichnen.
- Besonders auffällig war die Organisation Profemina: Sie tauchte in rund 17 % aller Antworten auf. AlgorithmWatch verweist auf Verbindungen zwischen Profemina und Heartbeat International, einer bekannten US‑Anti‑Abtreibungsorganisation.
- In vielen Fällen fehlte ein Hinweis, dass es sich nicht um eine neutrale medizinische Quelle handelt. Nur nach gezielter Nachfrage räumte ChatGPT in einigen Gesprächen ein, dass Profemina „keine neutrale medizinische Quelle“ sei. Teilweise verlinkten die Systeme und warnten zugleich im selben Gespräch — ein widersprüchliches Verhalten.
Sprachliche Unterschiede und konkrete Folgen
- Bei Fragen nach Erfahrungsberichten wurde Profemina in 33 % der deutschsprachigen und 29 % der italienischsprachigen Fälle genannt.
- In Deutschland gab es einen praktischen Fehler mit möglichen Folgen: In 11 von 12 deutschsprachigen Gesprächen empfahlen die Chatbots die Caritas als Anlaufstelle für die gesetzlich vorgeschriebene Pflichtberatung vor einem Abbruch. Problem: Die Caritas stellt keinen sogenannten Beratungsschein aus. Dieser Schein ist nötig, damit ein Schwangerschaftsabbruch innerhalb der Zwölf‑Wochen‑Frist straffrei bleibt. Wer nur zur Caritas geht und dort erst erfährt, dass kein Schein ausgestellt wird, kann wertvolle Zeit verlieren. AlgorithmWatch vermutet, dass der große Online‑Auftritt der Caritas die falsche Empfehlung begünstigt haben könnte.
Antworten der Firmen und Betroffenen
- Google und OpenAI verwiesen in ihren Antworten auf allgemeine Policy‑Richtlinien; OpenAI ergänzte, dass eine nach den Tests veröffentlichte Version (GPT‑5.5) besser darin sei, Nutzerkontext wie Geschlecht zu berücksichtigen.
- Anthropic und xAI gaben keine Stellungnahme ab. Auch Profemina reagierte nicht auf Anfragen der untersuchenden Journalistinnen.
Einordnung und rechtlicher Rahmen
AlgorithmWatch warnt, dass KI‑Antworten als „unkontrollierte Gatekeeper“ wirken können: Sie liefern oft empathisch formulierte, abschließende Antworten, die Nutzer kaum hinterfragen. Laut Bericht hängen die Ergebnisse von Trainingsdaten, kulturellen Gewichtungen und möglichen Manipulationen ab. Studien deuten zudem darauf hin, dass KI‑generierte Antworten die Klickzahlen auf Originalquellen stark reduzieren.
Rechtlich gibt es bereits Entscheidungen und Positionen: Ein Gericht in München stellte fest, dass die eingeschränkte Haftung für Suchmaschinen nicht automatisch auf KI‑Antworten anzuwenden ist. Deutsche Medienanstalten sehen KI‑Suchmaschinen und Chatbots inzwischen als Inhalteanbieter, die damit Verantwortung tragen müssen.
Kurz gesagt: Bei sensiblen Themen wie ungewollter Schwangerschaft können Chatbots Quellen empfehlen, die nicht neutral sind — das kann praktische Folgen für Nutzerinnen und Nutzer haben, insbesondere wenn gesetzliche Fristen eine Rolle spielen.
Quellen
- Quelle: AlgorithmWatch
- Der ursprüngliche Artikel wurde hier veröffentlicht
- Dieser Artikel wurde im Podcast KI-Briefing-Daily behandelt. Die Folge kannst du hier anhören.




