Bremen installiert in mehr als 40 Straßenbahnen die KI‑Lösung AI‑Watch zur Echtzeitanalyse von Kamerabildern.
In Kürze
- Onboard‑KI erkennt potenzielle Gefahren und meldet Alarme an die Leitstelle
- Gesichter werden bei Übertragung verpixelt; Originalaufnahmen 72 Stunden lokal gespeichert
- Training mit Theaterfahrten, Pilot zeigte Fehlalarme; Kosten pro Wagen ~10.000 Euro
Bremen rüstet Teile seiner Straßenbahnen mit einer KI‑Überwachungslösung aus: Die Bremer Straßenbahn AG (BSAG) will noch in diesem Jahr mehr als 40 Bahnen mit dem System AI‑Watch der Firma Just Add AI ausstatten; der Ausbau soll bis Ende 2026 weitergehen. In jedem Wagen sind bereits heute 9 bis 11 Kameras installiert — diese Kameras werden laut Plan künftig von der KI in Echtzeit ausgewertet.
Wie AI‑Watch arbeiten soll
Die Software analysiert die Videobilder sofort an Bord und erkennt laut BSAG potenzielle Gefährdungslagen wie Bedrängung, Beleidigung oder Gewalttaten. Erkennt die KI ein eskalierendes Muster, meldet sie einen Alarm an die BSAG‑Leitstelle, schaltet Live‑Bilder dorthin und signalisiert zusätzlich die Fahrerkabine. Die endgültige Entscheidung — etwa, die Polizei zu rufen — fällt ein Mensch in der Leitstelle.
- Analyse: Echtzeit‑Auswertung der Videobilder an Bord
- Erkennung: Identifikation potenzieller Gefährdungslagen
- Reaktion: Alarm an die Leitstelle, Live‑Bilder werden übertragen, Fahrerkabine wird signalisiert
- Entscheidung: Mensch in der Leitstelle trifft die endgültige Maßnahme
Datenschutz, Speicherung und Trainingsdaten
Die BSAG nennt eine „Unbedenklichkeitserklärung“ der Landesdatenschutzbehörden als Grundlage für das Projekt. Die Auswertung soll direkt im Fahrzeug stattfinden; beim Übertragen in die Leitstelle werden automatisch Gesichter verpixelt. Kleidung, Geschlecht oder Hautfarbe bleiben laut Betreiber erkennbar, damit bei Bedarf eine Zuordnung möglich ist. Originalaufnahmen verbleiben lokal und unverschlüsselt für 72 Stunden, damit die Polizei bei Straftaten darauf zugreifen kann. Personenbezogene Daten sollen nicht zum Trainieren der KI verwendet werden.
- Auswertung: direkt im Fahrzeug
- Übertragung: Gesichter automatisch verpixelt
- Sichtbar bleiben: Kleidung, Geschlecht, Hautfarbe zur möglichen Zuordnung
- Speicherung: Originalaufnahmen lokal und unverschlüsselt für 72 Stunden
- Training: keine Verwendung personenbezogener Daten
Wie die KI gelernt hat — und wie sicher sie ist
Zum Training nutzte Just Add AI unter anderem sogenannte Theaterfahrten, bei denen Schauspieler Vorfälle simulierten. In die Bewertung fließen demnach auch Reaktionen von Umstehenden ein, etwa Erschrecken. Trotz dieser Vorbereitung ist die Technik anfällig für Fehlalarme: In einem Pilotversuch ab April des Vorjahres meldete die KI 16 mögliche Gefährdungen; die Betriebsberichte bestätigten nur vier tatsächliche Fälle, die übrigen Hinweise waren Fehlalarme oder wurden nicht weiterverfolgt. Als Beispiel für Fehleinschätzungen wird aus Hamburg berichtet, wo eine KI Umarmungen schon mit Schlägen verwechselt haben soll.
- Trainingsmethode: Theaterfahrten mit simulierten Vorfällen
- Bewertung: berücksichtigt Reaktionen von Umstehenden
- Pilotversuch: 16 Meldungen → 4 bestätigte Fälle, Rest Fehlalarme oder nicht weiterverfolgt
- Bekannte Fehleinschätzung: in Hamburg wurden Umarmungen mit Schlägen verwechselt
Kosten und Interesse
Die Aufrüstung einer Bahn kostet etwa 10.000 Euro; 80 Prozent der Kosten werden vom Bundesverkehrsministerium getragen. Wegen dieser Förderung zeigen auch andere Nahverkehrsunternehmen Interesse an ähnlichen Systemen.
Spannungsfeld und offene Fragen
Das Projekt steht zwischen dem Versprechen schnellerer Eingriffe bei Vorfällen und einer spürbar höheren Überwachungsdichte in Bussen und Bahnen. Ob AI‑Watch den Schutz erhöht oder vor allem die Videoüberwachung erweitert, bleibt angesichts gemeldeter Fehlalarme und offener ethischer Fragen weiter zu klären.
Quellen
- Quelle: Bremer Straßenbahn AG (BSAG)
- Der ursprüngliche Artikel wurde hier veröffentlicht
- Dieser Artikel wurde im Podcast KI-Briefing-Daily behandelt. Die Folge kannst du hier anhören.




