Berlin startet diesen Monat Pilot mit KI-gestützter Videoüberwachung am Kottbusser Tor: Bewegungsanalyse statt Gesichtserkennung.
In Kürze
- KI wertet Bewegungs- und Situationsmuster, keine biometrische ID
- Tests beginnen am Kottbusser Tor, später Warschauer Straße; Ausweitung möglich
- Datenschutz, Fehlerquoten und rechtliche Fragen sind offen
Berlins Polizei startet noch in diesem Monat ein Pilotprojekt mit KI-gestützter Videoüberwachung an Kriminalitäts-Hotspots. Zuerst soll das Kottbusser Tor überwacht werden, später die Warschauer Straße. Bei Erfolg ist eine schrittweise Ausweitung auf weitere belastete Orte geplant.
So funktioniert die Technik
Im Mittelpunkt steht die sogenannte Verhaltens- und Situationserkennung: Statt Gesichter zu identifizieren, wertet die KI Kamerabilder nach Bewegungsabläufen und Mustern aus. Erkannt werden sollen etwa abrupte, auffällige Bewegungen, die auf Gewalttaten oder gefährliche Situationen hindeuten. Die Software soll der Polizei dabei Hinweise liefern und bei bestimmten Mustern Alarm schlagen.
Biometrische Identifizierung ist laut Innenverwaltung nicht vorgesehen: Auf den Monitoren erscheinen nicht realistische Personenbilder, sondern stilisierten Strichmännchen, die nur Bewegungen anzeigen. Menschen bleiben für Entscheidung und Eingreifen verantwortlich — die KI beschleunigt lediglich die Lageeinschätzung, entscheidet aber nicht autonom über Maßnahmen.
Kritik, Risiken und offene Fragen
Solche Systeme sind umstritten. Als warnendes Beispiel wird ein laufender Prozess in Athen genannt, bei dem eine Mordanklage fast ausschließlich auf KI-erzeugten Beweisen beruhte, obwohl der Beschuldigte zur Tatzeit nachweislich in Haft war. Das zeigt, wie problematisch sich KI-Auswertungen in Gerichts- oder Ermittlungszusammenhängen auswirken können.
In der Praxis bleiben mehrere Fragen offen:
- Ab welcher Schwelle wertet die KI ein Bewegungsmuster als „ungewöhnlich“?
- Wie groß ist die Fehlerquote bei Szenen, in denen völlig harmlose Verhaltensweisen (etwa Menschen, die sich verirrt haben oder Gegenstände tauschen) als verdächtig erkannt werden?
- Und welche Konsequenzen entstehen für Einsatzkräfte, wenn ein KI-Hinweis ignoriert wird und später doch eine Straftat geschieht?
Erweiterung auf Objektschutz
Parallel zum Einsatz an öffentlichen Hotspots soll die Technik auch zum Schutz bestimmter Gebäude getestet werden. Vorgesehen sind zunächst das Rote Rathaus und der Dienstsitz der Innenverwaltung in der Klosterstraße. Bis Ende September soll entschieden werden, welcher Anbieter den Auftrag bekommt; der Probeeinsatz ist für Dezember geplant und soll rund ein Jahr dauern.
Kosten und Zeiträume
- Für die KI-Videotechnik an kriminalitätsbelasteten Orten veranschlagt Berlin für 2026–2030 geschätzte Investitionskosten von 2,47 Millionen Euro sowie laufende Betriebskosten von 2,13 Millionen Euro.
- Für den Objektschutz sind für 2026/2027 etwa 1,76 Millionen Euro Investitionskosten und rund 355.000 Euro Betriebskosten eingeplant.
Rechts- und Politikrahmen
Die rechtliche Grundlage ist das im Dezember 2025 geänderte Allgemeine Sicherheits- und Ordnungsgesetz (ASOG). Im März wurde das Vorhaben im Innenausschuss des Abgeordnetenhauses diskutiert. Ursprünglich war auch geplant, das Abgeordnetenhaus selbst per KI zu schützen; nach Protesten von Abgeordneten wurde dieser Punkt wieder gestrichen. Separat hat der Bundestag kürzlich eine Gesetzesgrundlage für Echtzeitfahndung mit KI-gestützter Gesichtserkennung geschaffen — das ist jedoch eine andere, biometrische Anwendung und nicht Teil des Berliner Pilotprojekts.
Nächste Schritte
In den kommenden Wochen beginnen die Tests am Kottbusser Tor, später folgt die Warschauer Straße. Die Entscheidung für den Objektschutz-Anbieter soll bis Ende September fallen; der Probeeinsatz startet voraussichtlich im Dezember und läuft etwa ein Jahr.
Quellen
- Quelle: Berliner Polizei
- Der ursprüngliche Artikel wurde hier veröffentlicht
- Dieser Artikel wurde im Podcast KI-Briefing-Daily behandelt. Die Folge kannst du hier anhören.




