ICE nutzt Palantir‑Software und kommerzielle Standortdaten, um Abschiebungen zu planen und Prioritäten zu setzen.
In Kürze
- Palantir betreibt ICM seit 2014; neues ImmigrationOS und Exklusivvertrag 2026 (rund 30 Mio).
- Standort‑Pings, Datenhändler, OSINT und Gesichtserkennung fließen in Analysen und Mobile‑Apps wie ELITE.
- Datenschutz, fehlende richterliche Kontrolle und starke Abhängigkeit von Palantir werden heftig kritisiert.
ICE setzt auf Daten und Software, um Abschiebungen stärker zu automatisieren — und kauft dafür bei Firmen wie Palantir ein. Seit 2014 läuft das Fallmanagement‑System ICM auf der Gotham‑Plattform von Palantir; seit April 2025 arbeitet Palantir an einer spezielleren Erweiterung namens ImmigrationOS (Auftrag: rund 30 Millionen Dollar). Im Januar 2026 erhielt das Unternehmen einen Exklusivvertrag für Betrieb und Weiterentwicklung von ICM. ICE begründet die Alleinvergabe mit der Dringlichkeit der Einsätze und dem Risiko, den Betrieb bei einem Anbieterwechsel zu gefährden.
Welche Daten fließen zusammen?
ICE verknüpft Behördenregister mit kommerziellen Datenhändlern und öffentlichen Internetquellen. Zu den kommerziellen Eingängen gehören riesige Mengen an Standort‑Pings — Positionsdaten, die Smartphones, Apps oder Webdienste generieren und von Data Brokers verkauft werden. Einer internen Rechtsanalyse des Innenministeriums, die die ACLU einsehen konnte, zufolge betrachtet ICE viele dieser kommerziellen Daten als „öffentlich” oder durch App‑Erlaubnisse gedeckt und geht davon aus, dass meist kein Durchsuchungsbefehl nötig ist.
Welche Tools nutzt ICE?
- Penlink/Webloc: Analysiert Bewegungs‑ und Standortdaten, ordnet sie Geräten oder Personen zu und visualisiert zeitliche Verläufe auf Karten.
- Tangles: Ein KI‑gestütztes OSINT‑Werkzeug, das offen zugängliche Internetquellen, soziale Netzwerke sowie Teile des Deep/Dark Web sammelt und verknüpft.
- ELITE (Palantir‑App, im Einsatz seit Sept. 2025): Liefert Einsatzkräften mobile Karten mit möglichen Zielen, Fotos, Adressen und „Confidence Scores“ sowie Filterfunktionen.
- Gesichtserkennung: ICE arbeitet u. a. mit Clearview AI; im September 2025 wurde ein weiterer Vertrag für Gesichtserkennungsdienste abgeschlossen. Einsatzkräfte filmen darüber hinaus häufiger Umfeld und Unbeteiligte etwa mit Action‑Cams oder Smart Glasses.
Wie werden die Daten für Einsätze genutzt?
Alle Quellen laufen in ICM zusammen und werden für Planung und Durchführung von Razzien genutzt. Die Analysen erlauben das Setzen von Geofences (virtuellen Grenzen), das Filtern nach Gerätekennungen, das Rekonstruieren typischer Tagesabläufe — Arbeit, Arztbesuch, religiöse Termine — und so das Ermitteln wahrscheinlicher Aufenthaltsorte. ELITE bereitet diese Informationen mobil auf und gibt Einsatzteams Wahrscheinlichkeitswerte, um Ziele zu priorisieren.
Kritikpunkte und Risiken
Datenschutzexperten und Beobachter heben mehrere Probleme hervor: Kommerzielle Standortdaten werden oft ohne richterliche Anordnung eingesetzt, was Fragen zu Privatsphäre und Rechtskontrolle aufwirft. ICE selbst akzeptiert eine starke Abhängigkeit von Palantir‑Software, weil das System als „missionskritisch“ betrachtet wird — ein Argument, das Fragen zur Transparenz und Wettbewerbsfähigkeit aufwirft, weil das System proprietär bleibt. Beobachter wie Michael Steinberger warnen, dass solche Instrumente in anderen politischen Kontexten besonders mächtig und gefährlich sein können; genau diese Befürchtungen fließen in die öffentliche Debatte ein. Darüber hinaus zeigen internationale Parallelen: Behörden in Deutschland und Österreich greifen ebenfalls auf Datenkäufe und Dienste ähnlicher Anbieter zurück, während staatliche Antworten häufig zurückhaltend oder geheim bleiben.
Die technische Verdichtung von Behörden‑, Handels‑ und Internetdaten mit Analyse‑ und KI‑Werkzeugen verändert, wie ICE Abschiebungen plant und durchführt — mit Effizienzgewinnen einerseits und anhaltenden Rechts‑, Ethik‑ und Datenschutzfragen andererseits.
Quellen
- Quelle: Immigration and Customs Enforcement (ICE) / Palantir
- Der ursprüngliche Artikel wurde hier veröffentlicht
- Dieser Artikel wurde im Podcast KI-Briefing-Daily behandelt. Die Folge kannst du hier anhören.




